Viele bestandsgefährdende Entwicklungen sind keine Ereignisrisiken, sondern Erosionsrisiken. In vielen Risikoinventaren dominieren ereignisgesteuerte Risiken: Cyberangriff. Lieferantenausfall. Brand. Rechtsstreit. Maschinenausfall. Forderungsausfall. Das sind wichtige Risiken. Aber sie beschreiben nur einen Teil der Realität. Denn viele Unternehmen geraten nicht deshalb in eine existenzielle Krise, weil an einem bestimmten Tag „das eine große Risiko“ eintritt. Sie geraten in Schieflage, weil über Jahre hinweg ihre Anpassungsfähigkeit abnimmt. Steigende Energiekosten werden nicht kompensiert. Der Umbau der Mitarbeiterschaft gelingt nicht. Neue Kompetenzen werden zu langsam aufgebaut. Bürokratische und regulatorische Anforderungen werden immer schwerer beherrschbar. Investitionen werden verschoben. Margen sinken. Die Organisation verliert Schritt für Schritt an Kraft. Das sind keine klassischen Ereignisrisiken. Das sind Erosionsrisiken. Sie treten nicht plötzlich ein. Sie wirken schleichend. Sie erzeugen oft keinen einzelnen klaren Schadenszeitpunkt. Und werden deshalb im Risikomanagement häufig unterschätzt. Das Problem: Klassische Risikoinventare fragen oft: „Was kann passieren?“ Bei Erosionsrisiken müsste man anders fragen: „Welche Fähigkeit verlieren wir schleichend, wenn wir uns nicht schnell genug anpassen?“ Zum Beispiel: Aus „Energiepreisrisiko“ wird die Frage: Ist unser Geschäftsmodell dauerhaft zu energieintensiv? Aus „Fachkräftemangel“ wird die Frage: Schaffen wir den Kompetenzumbau der Organisation rechtzeitig? Aus „Nachfolgerisiko“ wird die Frage: Ist das Unternehmen überhaupt übergabefähig? Aus „Regulierungsrisiko“ wird die Frage: Sind unsere Prozesse strukturell regulatorikfähig? Aus „Umsatzrückgang“ wird die Frage: Verliert unser Leistungsangebot über Jahre an Relevanz? Der entscheidende Unterschied liegt nicht nur in der Formulierung. Er liegt in der Risikologik. Ereignisrisiken werden meist über Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe bewertet. Erosionsrisiken brauchen zusätzlich andere Perspektiven: Wie entwickelt sich die Belastung über die Zeit? Welche Fähigkeit des Unternehmens wird dadurch getestet? Wie lange kann das Unternehmen diese Entwicklung verkraften? Welche Frühindikatoren zeigen, dass die Erosion bereits begonnen hat? Ab wann wird daraus eine bestandsgefährdende Entwicklung? Genau hier liegt aus meiner Sicht eine der größten Lücken im heutigen Risikomanagement. Viele Risikoinventare enthalten zahlreiche benennbare Einzelrisiken. Aber sie erfassen zu wenig die Prozesse, die ein Unternehmen tatsächlich über Jahre schwächen. Dabei scheitern Unternehmen selten nur an einem Ereignis. Häufig scheitern sie daran, dass sie über Jahre zu wenig Anpassungsfähigkeit aufgebaut haben — und das auslösende Ereignis macht diese Schwäche nur sichtbar. Modernes Risikomanagement sollte schleichende Krisendynamiken erkennen, ihre Bedeutung prüfen und daraus Szenarien für die Maßnahmenplanung ableiten.

Dieser Beitrag ist zuerst auf LinkedIn erschienen. Dort ansehen und mitdiskutieren