Ein Jahr Risikohorizont – im heutigen Umfeld noch realistisch? Im Kontext des IDW PS 340 hat sich in der Praxis ein Risikohorizont von einem Jahr etabliert. Dies ist formal akzeptiert – aber inhaltlich schwer nachvollziehbar. Denn viele der Krisen, die Unternehmen heute belasten, wirken über Jahre oder Jahrzehnte. Ein Risikohorizont von zwölf Monaten bildet sie schlicht nicht ab. 🏗️ 1. Bürokratie & Regulierung In Deutschland sind Planungs- und Genehmigungszeiten inzwischen so lang, dass große Projekte nicht einmal innerhalb eines Jahres starten, geschweige denn Risiken entfalten oder kompensieren können. Alle Risiken, die aus Bürokratie und Regulierung entstehen, wirken strukturell langfristig – sie passen nicht in ein 1-Jahres-Fenster. ⚡ 2. Energiekrise & strukturell steigende Preise Niemand erwartet, dass Energiepreise in den nächsten 12 Monaten wieder auf frühere Niveaus fallen. Klimapolitik, CO2-Bepreisung, geopolitische Brüche und der Wegfall günstiger Lieferländer führen zu dauerhaft höheren Energiekosten. Das Risiko für energieintensive Geschäftsmodelle ist somit ein Mehr-Jahres-Risiko. 🌍 3. Geopolitik & Lieferketten Die veränderte Rolle der USA, instabile Großmächte, Konflikte im Nahen Osten – keine dieser Entwicklungen wird in einem Jahr verschwinden. Strategische Abhängigkeiten lösen sich nur über sehr lange Zeiträume auf. 🛣️ 4. Deutsche Infrastrukturkrise Verschleiß, Investitionsstau und Überlastung werden Deutschland über Jahrzehnte begleiten. Ein Unternehmen kann sich nicht innerhalb von 12 Monaten „aus der Infrastruktur heraus“ optimieren. 🏭 5. Realität der Industrie: Anpassung dauert Industrieunternehmen brauchen Jahre, um: • Geschäftsmodelle anzupassen • Lieferketten neu aufzubauen • Anlagen auszutauschen • Produkte und Märkte neu auszurichten Verglichen damit wirkt ein Risikohorizont von einem Jahr wie ein theoretisches Konstrukt – aber nicht wie ein realer Maßstab wirtschaftlicher Risikotragfähigkeit. 💡 Was wäre angemessen? Für Nichtbanken wäre ein Horizont von 5–10 Jahren realistisch – also die Zeit, die Unternehmen tatsächlich benötigen, um auf Großrisiken zu reagieren. In Banken mag ein Jahr funktionieren, weil Risiken kurzfristig gehedged werden können – aber für die Realwirtschaft gilt das nicht. ❓ Wie sehen Sie das? Ist ein 1-Jahres-Risikohorizont angesichts unserer langfristigen Krisenlandschaft noch zeitgemäß? Oder brauchen wir ein neues Verständnis von Risikotragfähigkeit, das tatsächliche Reaktionsgeschwindigkeiten der Industrie berücksichtigt?

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